Frank Schirrmacher und das Informationszeitalter

Er ist schon ein wundersamer Bursche, dieser Frank Schirrmacher, der sich selbst als Nerd bezeichnet. Als Herausgeber der FAZ und Autor zahlreicher, zum Teil heftig diskutierter Bücher (bspw. „Das Methusalem-Komplott“) ist er wohl einer der lautesten Intellektuellen Deutschlands.

In seinem aktuellen Buch „Paybackstellt er sich die kritische Frage, wie wir im Informationszeitalter die Kontrolle über unser Denken behalten können.
Vor einiger Zeit war er beim philosophischen Radio von WDR5 zu Gast und sprach über seine persönlichen Ansichten, den Internet-Hype und wie sich unser Leben verändert.

Wenn man sich einmal anschaut, wie wir uns in Kommunikationskanälen bewegen, wird uns schnell klar, dass intelligente Technologien uns besser zu kennen scheinen, als wir es selbst tun. Man kann beispielsweise mit beeindruckender Genauigkeit vorhersagen, welches Buch ein Kunde als nächstes lesen möchte, bzw. was ihm aller Voraussicht nach gut gefällt. Apple nennt diese Technologie „Genius“ und kann damit in iTunes dem potenziellen Käufer Empfehlungen anbieten oder die Wiedergabeliste sinnvoll ergänzen. Durch unser Verhalten und unsere bereitwillige Preisgabe von persönlichen Daten und Präferenzen werden wir also für intelligente Technologien berechenbar und überlassen ihnen zunehmend auch das Denken. Wir verlassen uns insgesamt zu sehr auf die Informationstechnologie und werden von „Kreierern“ zu „Kopierern“. Nur noch schwer können wir zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen unterscheiden.
Frank Schirrmacher sieht hier den freien Willen in Gefahr.

Er verteufelt nicht die neuen Technologien. Ganz im Gegenteil. Er plädiert nur für eine andere Nutzung und Herangehensweise.
Interessant ist es, zu beobachten, wie die Web 2.0-Lobbyisten auf Schirrmachers Publikation reagieren. Zum größten Teil wird auf ihn ein-geprügelt was das Zeug hält. Es wird kein gutes Haar an dem Mann gelassen, der sich sehr oft berechnend und polarisierend weit aus dem Fenster lehnt.

Im Prinzip ist Schirrmachers Aussage korrekt: Wir verlassen uns zu sehr auf die technischen Hilfsmittel, die sich uns derzeit bieten und begreifen sie zu oft nicht mehr nur als Werkzeug.
Wir vernetzen uns mit unzähligen Personen, von denen wir wahrscheinlich nicht mal die Hälfte jemals wirklich kennen lernen werden. Aber: Diese Probleme sind hausgemacht, weil wir es so wollen. Anstatt die Technik zu verteufeln, wie es selbsternannte Intellektuelle gerne tun, sollten wir uns fragen, ob wir uns als Nutzer nicht falsch verhalten.

Ich selbst kann und will weder auf mein MacBook, noch auf mein iPhone verzichten, nicht nur berufsbedingt. Ich habe mich wissentlich von Technik ein Stück weit abhängig gemacht. Sie beeinflusst mich in wesentlichen Entscheidungen meines täglichen Lebens. Aber ich bin in der Lage zu reflektieren und zu analysieren. Ich nehme diesen Einfluss an, weil ich für mich von Fall zu Fall entscheide, ob es richtig oder falsch ist, dieses oder jenes zu tun.
Wir werden täglich mit einer derartigen Flut von Informationen bombardiert, dass wir auf Technologien angewiesen sind, die diese Daten für uns filtern und damit auch beeinflussen was wir sehen und was nicht. Es ist aber wichtig, sich genau dieser Tatsache bewusst zu sein und vorselektierten Informationen nicht blind zu vertrauen.
Vielleicht fangen wir mal mit was Einfachem an: Bei der nächsten Suche im Internet nutzen wir nach unserer Google-Suche vielleicht auch mal was anderes wie ask.com und vergleichen die Suchergebnisse. Das kann manchmal schon recht interessant sein…

Jörg Grote